Predigt von Pfarrer Ingo Zöllich zum Weihnachtsfest am 25.12.2011
Maria, die Gottesmutter. Da erleben wir sie heute, an Weihnachten, im Stall von Bethlehem. Vor ihr die Krippe, und darin liegt das göttliche Kind. In den Adventswochen sind wir hier im Bonhoefferhaus Marias Weg zur Krippe nachgegangen: wie der Engel ihr begegnete, wie sie Elisabeth besuchte, wie sie Gott lobte, wie sie sich auf den Weg nach Bethlehem machte. Gestern, am Heiligen Abend, ging es in allen drei Gottesdiensten um das Ereignis der Geburt. Heute nun betrachten wir das Resultat: die Frau im Stall, die das göttliche Kind gebar, das ist Maria, die Gottesmutter.
Maria, die Gottesmutter. Damit sind wir an der Spitze dessen, was sich evangelisch über Maria sagen lässt. Wir sind den Weg mit Maria ja auf gut evangelische Weise gegangen, denn wir haben uns dabei stets am Evangelium orientiert, genauer an den ersten zwei Kapiteln des Lukasevangeliums. Was Maria uns Evangelischen bedeutet, das entnehmen wir der Bibel. „Maria, die Gottesmutter“, diese Spitzenaussage lehnt sich nun an einen kurzen biblischen Satz an, den wir im Rahmen der Predigtreihe hier schon gehört haben. Als Maria bei Elisabeth eintrifft, freut sich Elisabeth und ruft fragend aus: „Wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Elisabeths Herr ist Gott, und die Mutter ihres Herrn ist Maria. Maria, die Gottesmutter.
Nun stehen wir da, ähnlich wie Elisabeth, und blicken auf Maria. Was geschieht mit uns, wenn wir die Mutter unseres Herrn betrachten, liebe Gemeinde? Wer ist Maria für uns? Maria, die Gottesmutter – scheint sie nicht unendlich fern von uns, denn wer von uns könnte schon Mutter oder gar Vater Gottes sein? Das Schöne an Weihnachten ist doch, dass Gott Mensch wurde, dass alles so menschlich ist, und nun wird uns umgekehrt seine Mutter Maria entmenschlicht, indem man sie als „Gottesmutter“ bezeichnet. Doch „Gott wird Mensch“, das heißt gleichzeitig auch: Ein Mensch ist Gott. Und seine Mutter logischerweise die Gottesmutter. „Gottesmutter“ – dieser Begriff ist eine theologische Spitzenaussage, zu der man in der Alten Kirche kam, als man über Maria und Christus nachdachte. Heute bereitet der Begriff mancherlei Probleme, aber er kann uns auch Orientierung geben – wenn diese Maria, auch als sogenannte Gottesmutter, so bleibt, wie wir sie in der Bibel betrachten können. Von Maria wird viel in der Bibel erzählt, weit mehr als nur die Weihnachtsgeschichte, und aus diesen Erzählungen haben Künstlerinnen und Künstler Marienbilder geschaffen. Lassen Sie uns kurz die Galerie der biblischen Marienbilder betrachten. Das erste Bild ist „Maria mit dem Engel“. Wir sehen darauf, wie der Engel sie anspricht: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Dann folgt „Maria, der Herren Magd“; auf diesem Bild sehen wir, wie Maria dem Engel antwortet: „Sieh, ich bin des Herren Magd.“ Als drittes sehen wir das Bild von Maria, wie sie das Jesuskind auf dem Arm trägt, das ist das typische Bild der Gottesmutter. Auch auf dem vierten Bild hält Maria ihren Sohn in Armen, aber als Leiche: das ist Maria, die schmerzensreiche Mutter, die den Tod ihres Sohnes erleiden musste. Und auf dem fünften und letzten Bild sehen wir Maria im Kreis der Apostel, wie sie von der Auferstehung Jesu erzählt; Maria, eine der ersten Zeuginnen Christi.
Nun geht es also besonders um das dritte Bild, um Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Wir sehen die Mutter mit unserem Herrn, wie Elisabeth sagt, die Gottesmutter. Den Begriff „Gottesmutter“ oder auch „Gottesgebärerin“ wurde erst später geprägt. Im Jahre 431 versammelten sich die Bischöfe des Römischen Reiches in Ephesus und proklamierten Maria als „Gottesmutter“. Dabei kam es ihnen vor allem auf den Sohn an. Der sollte nämlich ganz Gott sein, denn sie meinten, sein Tod am Kreuz konnte uns nur dann von Sünde und Tod erlösen, wenn wirklich Gott in Christus diesen Tod gestorben wäre. Und wenn in Christus Gott gestorben ist, dann musste er auch in ihm geboren sein, und folglich war Maria nicht bloß eine Menschen-, sondern auch eine Gottesmutter.
Kompliziert, nicht wahr? Wenn wir diese Gedanken heute nicht mehr nachvollziehen können, dann liegt das daran, dass wir haben andere Denkvoraussetzungen als die Menschen in der Antike haben. In der Antike hielt man Gott und Mensch auf einer gewissen Ebene für vergleichbar, man glaubte an eine göttliche und eine menschliche Natur. Jesus musste als Gott und Mensch beide Naturen haben, und Maria musste, indem sie Jesus zur Welt brachte, auch seine göttliche Natur mit zur Welt bringen. Nun ist durchaus fraglich, ob göttliche und menschliche Natur derart ähnlich sind. Der Mensch wird geboren, klar, hat Substanz aus Fleisch und Blut, aber kann es sich mit dem Göttlichen nicht anders verhalten? Gott muss nicht als Substanz sterben, um an unserer statt den Tod auf sich zu nehmen, das ist auch anders denkbar. Dabei bleibt Jesus aber, wie man damals zu Ephesus bekannte, Mensch und Gott zugleich. Mensch ist er sowieso, und Gott, weil er ganz von Gottes Geist geprägt ist, ganz nach Gottes Willen lebt, weil Gott sich ganz mit ihm identifiziert. Und wenn Jesus so Gott und Mensch zugleich ist, dann ist Maria eben auch Menschen- und Gottesmutter zugleich.
Nun bereitet diese Bezeichnung „Gottesmutter“ einige Probleme. Eins liegt gleich auf der Hand: Kann Gott denn eine Mutter haben? Der von Ewigkeit her war und ewig sein wird, wie soll es noch eine Mutter vor ihm geben? Als im 7. Jahrhundert in Arabien der Prophet Mohammed christlichen Gemeinden begegnete, fand er die Rede von Maria als Gottesmutter besonders abstoßend. „Gottesmutter“, das klang heidnisch, das klang so, als ob im Himmel irgendwelche Götter miteinander rummachten, um Gottessöhne zu zeugen. Mohammed hatte sehr wohl große Ehrfurcht vor Maria; der Koran zeugt bis heute davon. Aber sie als „Gottesmutter“ zu bezeichnen, das ging ihm zu weit. Entsprechend bekannte er Jesus auch nicht als Gottes Sohn. Heute ist dieses Problem relativ einfach zu lösen, eben, wenn wir uns das Göttliche in Jesus nicht als Substanz vorstellen. Substanziell hat Maria den Menschen Jesus geboren; insofern sich Gott aber ganz mit diesem Jesus identifizierte und ihn als seinen Sohn betrachtete, gebar Maria eben auch Gott, war sie Gottesmutter.
Ich persönlich habe ein anderes Problem mit diesem Titel „Gottesmutter“. Dieser Titel macht nämlich etwas mit Maria, was ich bei vielen Frauen beobachte, wenn sie ein Kind bekommen. Als Mann kann ich das ja nur von der Seite betrachten, aber vielleicht ist gerade dieser Blick von der Seite erhellend. Schwangerschaft und Geburt verändern eine Frau. Schwangerschaft und Geburt verändern eine Frau natürlich körperlich: der wachsende Bauch, das sich dehnende Becken, die milchgefüllten Brüste. Schwangerschaft und Geburt verändern zudem das Selbstbild der Frau: Sie ist jetzt nicht mehr einfach die, die sie vorher war, sie schenkt jetzt einem Kind das Leben. Interessant finde ich nun, dass sich die Frau auch für Außenstehende verändert. Sieht man eine Schwangere, dann sieht man immer zwei, man nimmt besondere Rücksicht, mahnt die Frau zur Ruhe, fragt, ob es dem Kind auch gut geht. Und wenn das Kind dann geboren ist? „Oh wie süß!“, heißt es dann. „Diese Ärmchen und Beinchen!“ Dann folgt gerne, egal ob Junge oder Mädchen, so ein Ausruf: „Ganz der Papa!“ Und wenn das Kind ungemütlich wird und zu quäken anfängt, geht der Blick zur Mutter: „Dein Kind hat Durst.“
Vielleicht übertreibe ich etwas, aber in der Tendenz dürfte es stimmen: Wenn eine Frau ein Kind bekommt, interessiert sie nicht mehr als Frau. Sie hat ihren Zweck erfüllt, sie interessiert jetzt in erster Linie als Mutter. Das gilt ganz besonders für Maria. Sie interessiert als Frau eigentlich gar nicht; wir erfahren nicht, aus welcher Familie sie stammt, was sie gerne tut, welche Träume sie hat. Erst als zukünftige Mutter tritt sie ins Blickfeld der Bibel. Während sie schwanger ist, widmet man ihr besondere Aufmerksamkeit. Ausführlich wird von ihrer Begegnung mit dem Engel erzählt, dann erfahren wir, wie sie Elisabeth besucht, schließlich hören wir Marias eigene Gedanken im Lobgesang „Magnificat“. Als Jesus dann geboren wird, interessiert Maria schon nur noch am Rande. In der ganzen Geburtsgeschichte hören wir kein einziges Wort von ihr, erfahren nur, dass sie alles, was sie da erlebt, in ihrem Herzen behält. Wichtig ist sie jetzt als Mutter dieses kleinen Jesuskindes. Der Titel „Gottesmutter“ setzt noch einen drauf, denn er sagt mehr über das Kind als über seine Mutter. Wenn Maria die Mutter Gottes ist, dann ist das Kind doch voll und ganz Gott oder einfach „ganz der Papa“; Maria hat bloß den Zweck, dieses Abbild des himmlischen Papas zur Welt zu bringen. So suggeriert es jedenfalls der Titel „Gottesmutter“. Man muss ihm manches hinzufügen, wenn man Maria gerecht werden will, wenn sie uns etwas für unseren Glauben geben soll. Sie wird für uns wirklich wichtig, wenn wir all das, was Maria sonst noch auszeichnet, zur „Gottesmutter“ hinzudenken.
Ich meine dabei nicht die Titel, die ihr vor allem in der katholischen Kirche über die „Gottesmutter“ hinaus noch verliehen wurden. „Ewige Jungfrau“ sei Maria, wird da behauptet; die Geschwister Jesu, von denen in der Bibel die Rede ist, stammten aus einer vermeintlichen ersten Ehe von Josef oder seien nicht Brüder und Schwestern, sondern Cousins und Cousinen Jesu. Damit nicht genug: Auch Marias Mutter, die der Legende nach Anna geheißen hat, habe ihre Tochter Maria vom Heiligen Geist empfangen. Und weil Maria so eine prächtige Frau ist, habe Gott sie leibhaftig in den Himmel aufgenommen, das ist Mariä Himmelfahrt. Gewiss, man will Maria mit diesen Bezeichnungen die Ehre geben. Aber sie rückt doch auch immer weiter von uns weg, und sie entspricht auch nicht mehr dem, was von ihr in der Bibel erzählt wird.
Dabei kann Maria uns Christinnen und Christen viel mitgeben für unser Glaubensleben, wenn wir sie umfassend betrachten, wie sie in der Bibel dargestellt wird. Beziehen wir den Weg der Maria auf uns! Das ist gut evangelisch, hat aber eine lange Tradition, die tief im Mittelalter wurzelt. Fangen wir bei Maria noch einmal vorne an, und sehen wir in ihrem Bilde uns selbst.
Hören wir den Gruß des Engels: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Im Bild Mariens sehen wir uns selbst, und wir hören, wie der Engel zu uns spricht: „Seid gegrüßt, ihr Begnadeten! Der Herr ist mich euch!“ Diesen Ruf müssen wir öfter in unser Ohr dringen lassen. Morgens etwa, wenn ich mich müde in meinem Bett räkele und mich frage, warum ich jetzt schon wieder aufstehen muss, dann muss ich auf den Ruf des Engels hören: „Guten Morgen, du Begnadeter! Der Herr ist mit dir!“ Welch eine Gnade, dass ich diesen Tag erleben darf! Welch eine Freude, dass Gott auch diesen Tag an meiner Seite ist!
Dann müssen wir die Antwort der Maria auch in unseren Mund nehmen: „Sieh ich bin des Herren Magd!“, sagt sie. – „Sieh, ich bin des Herren Knecht!“, „Sieh, ich bin des Herren Magd!“, so können wir sagen. Ich weiß, dass Gott mich für etwas haben will, dass ich seinen Willen erfüllen soll. Und ich finde das gut. Deshalb kann ich mich in aller Freiheit seinem Willen unterwerfen: „Sieh, ich bin des Herren Knecht.“ Im Bilde Mariens erkennen wir uns als Knechte und Mägde Gottes.
Knechte und Mägde das Leben hindurch, Knechte und Mägde in Höhen und Tiefen. Denn wenn wir auf Maria schauen, dann sehen wir sie auch, wie sie in Trauer um ihren Sohn am Kreuz steht, wir spüren ihre Schmerzen und erkennen darin unser Leiden am Bösen in der Welt wieder. Nach dem Bild Mariens leben, das heißt auch: Mit ihr das Böse der Welt erleiden.
Doch dann steht sie am offenen Grab. „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“ Sie hört es, wir hören es. Sie spricht davon, sprechen auch wir davon! Im Bilde Mariens sehen wir, wie wir Zeugnis ablegen können von Christus, wie wir einander trotz des Bösen in der Welt trösten und stärken können.
Wenn wir so gut evangelisch den biblischen Weg der Maria nachgehen, dann können wir auch das Letzte wagen und diese Spitzenaussage auf uns beziehen: Maria, die Gottesmutter. Wir – als Väter und Mütter Gottes? Substanziell geht das nicht, wir gebären keinen leibhaftigen Christus, weder Sie als Frauen und schon gar nicht wir als Männer. Geistlich geht das schon. Nicht so perfekt wie bei Maria, aber es geht. Wir können zu Müttern und Vätern Gottes in der Welt werden, wir können ihn gebären, so dass er durch uns, durch unsere Taten lebt. So schreibt Franz von Assisi: „Wir sind Mütter Christi, wenn wir ihn durch Liebe und ein reines, ernsthaftes Gewissen in unserem Herzen und Körper tragen. Und wir gebären ihn in heiligen Werken, die durch unser Beispiel auf andere ausstrahlen sollen.“
Maria, die an Weihnachten den Christus gebar, Maria, die Gottesmutter, sie ist ein Beispiel für
uns. Wie sie sind wir erfüllt von Gottes Gnade, wie sie beruft uns Gott zu seinen Knechten und Mägden. Wie sie haben wir am Bösen in der Welt zu leiden, wie sie können wir aber auch Zeugnis abgeben von Gottes gutem Wirken. Nicht ganz so wie sie, aber doch vergleichbar, dürfen wir Mütter und Väter Gottes sein, wenn wir ihn in unseren Taten lebendig werden lassen. Und dann ist es wirklich ein Lob, wenn andere das Göttliche an unserer Tat erkennen und sagen: „Ganz der Papa!“ Amen.
Maria - Protestantisch gepredigt
Sonntag, 25. Dezember 2011
Samstag, 24. Dezember 2011
Maria aber bewegte alle diese Worte in ihrem Herzen
Michael Lunkenheimer - Predigt zu Lukas 2,17-19
in der Christvesper am Heiligen Abend
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Predigttext Lukas 2, 17-19:
Als die Hirten es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Liebe Gemeinde,
was ist das Herz von Weihnachten?
Viele schöne und wertvolle Dinge gehören dazu, an denen wir uns freuen: das Schenken, die Lieder und Musik, der festliche Schmuck in den Häusern und draußen, das gemeinsame Feiern.
Doch warum machen wir das alles an einer Stelle im Jahr? Was drücken wir mit all dem eigentlich aus?
Was ist das Herz von Weihnachten?
Wenn wir uns dem nähern wollen, dann müssen wir immer wieder darauf schauen, wie alles begann. Da war eine einfache Frau aus dem Volk: Maria. Ihr ganzes Leben hatte sie nicht im Zentrum der Welt verbracht, nicht einmal in der Hauptstadt ihres Landes, sondern weit ab, in der Provinz. Bestimmt hatte Maria Träume gehabt wie jede junge Frau. Ein Zimmermann, Josef, war darin zuletzt aufgetaucht.
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie ihr Leben üblicherweise verlaufen wäre: Die Heirat, vielleicht Kinder, zeitlebens viel Arbeit, um sich in den einfachen Verhältnissen durchzuschlagen.
Sollte das auch ihr Weg durch das Leben sein?
Es kam so und doch kam es auch ganz anders.
Ein Bote Gottes, ein Engel verirrte sich in ihre Stadt – nach Nazareth – ausgerechnet. Und dieser Engel suchte sie auf, das unbedeutende jüdische Mädchen vom Rand der Welt. Gott hat mit dir etwas vor. Stell dich darauf ein. Hat er gesagt. Maria traute ihren Augen und Ohren nicht. Davon hätte sie nie zu Träumen gewagt. Dass so etwas in ihrem Leben passiert, hatte sie nie gedacht. Doch sie wollte offen sein dafür, offen für das, was Gott mit ihr vorhatte. Und tatsächlich, schon bald wurde Maria schwanger und trug unter ihrem Herzen das Kind, von dem der Engel gesprochen hatte.
Aber konnte sie wirklich die Richtige sein, konnte sie diesem Kind eine gute Mutter sein? Fragen bewegten Maria, die viele werdende Mütter beschäftigen, und doch fragte sie auf eine ganz eigene Weise.
Sie hatte die Worte des Engels noch im Ohr: Dein Sohn wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.
Ob Maria sich wohl manchmal vor ihrer Aufgabe gefürchtet hat? Wen hätten in ihrer Lage nicht manchmal Zweifel beschlichen.
Doch wenn Maria das erlebt hat, dann hat sie es auch wieder überwinden können, indem sie gehört hat, indem sie die Worte an sich herangelassen hat, die zu ihr gesagt waren: Du musst deine Aufgabe nicht alleine erfüllen. Was vor dir liegt, kannst du mit Gottes Hilfe schaffen, denn er hat es ja mit ihr vor.
Maria konnte ihr Herz öffnen für die Freude über das, was Gott mit ihr begann. Davon berichtet uns die Bibel, von einem Lied, das sie gedichtet hat:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Maria konnte von ihrer Niedrigkeit singen. Sie blieb eine Frau wie jede andere, ja mehr noch, sie blieb eine ganz einfache Frau. Maria konnte wohl weder lesen noch schreiben, erst recht nicht hielt sie große Reden, und doch waren es Worte, die zu ihr vordrangen, die sie bewegten ganz tief im Innern, in ihrem Herzen. Worte, wie die, die wir vorhin gehört von dem Kind, das sie in der Weihnacht gebären sollte.
Ein Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
Uns wird einer geschenkt, der Frieden bringt, inmitten einer Welt voller Hass, der uns stark macht, uns einzusetzen, dass die Waffen schweigen in aller Welt und Versöhnung möglich wird auch mit meinem Nachbarn. Uns wird einer geschenkt, der wunderbar Rat geben kann, wo Menschen nicht mehr weiter wissen, der uns ermutigt, die Einsamen zu besuchen. Es ist einer, der Gerechtigkeit schafft, der uns die Augen öffnet für die Benachteiligten und Armen hier und in aller Welt, damit wir barmherzig mit ihnen sind.
Maria wollte die Botschaft von diesem Kind in ihr Herz lassen, sie wollte sich davon bewegen lassen, es mit der unfassbaren Zusage verbinden, dass Gott so etwas mit ihr beginnen wollte. Sie war nicht zu klein und unbedeutend, das, was sie tun konnte, nicht zu gering, als dass Gott nicht mit ihr anfangen könnte, diese Welt zu verändern.
An Weihnachten schenkt Gott uns sein Herz.
Das, liebe Gemeinde, hat Maria erlebt und das ist das Herz von Weihnachten, das ist der Mittelpunkt, von dem alles andere ausgeht.
Gott schenkt uns sein Herz, er lässt es geboren werden in einem Menschen, damit wir mit seinen Augen aufeinander sehen – mit den Augen der Liebe – damit wir mit seinen Ohren hören, auf die Stimmen unserer Mitmenschen, wo sie unsere Zuwendung brauchen, damit wir mit Gottes Herz mitfühlen und so unser Herz in die Hand nehmen füreinander.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Nächsten, die sich bewegen ließen von dem Kind, waren die Hirten und mit ihnen wurde die Freude über Weihnachten weiter getragen in alle Welt – bis zu uns.
Was da geschehen ist, das bewegt bis heute: Gott schenkt uns sein Herz, er will nehmen, was auf uns lastet und uns neu mit Leben füllen, mit Liebe, die sichtbar wird an Weihnachten, die ein Mensch wird wie du und ich.
Das können wir an Weihnachten auf so verschiedene schöne Weisen ausdrücken, in unserem Miteinander, in den Häusern und draußen, mit unserem Feiern.
Von dieser frohen Botschaft dürfen wir unser Herz bewegen lassen: wie Maria.
Amen.
in der Christvesper am Heiligen Abend
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Predigttext Lukas 2, 17-19:
Als die Hirten es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
Liebe Gemeinde,
was ist das Herz von Weihnachten?
Viele schöne und wertvolle Dinge gehören dazu, an denen wir uns freuen: das Schenken, die Lieder und Musik, der festliche Schmuck in den Häusern und draußen, das gemeinsame Feiern.
Doch warum machen wir das alles an einer Stelle im Jahr? Was drücken wir mit all dem eigentlich aus?
Was ist das Herz von Weihnachten?
Wenn wir uns dem nähern wollen, dann müssen wir immer wieder darauf schauen, wie alles begann. Da war eine einfache Frau aus dem Volk: Maria. Ihr ganzes Leben hatte sie nicht im Zentrum der Welt verbracht, nicht einmal in der Hauptstadt ihres Landes, sondern weit ab, in der Provinz. Bestimmt hatte Maria Träume gehabt wie jede junge Frau. Ein Zimmermann, Josef, war darin zuletzt aufgetaucht.
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie ihr Leben üblicherweise verlaufen wäre: Die Heirat, vielleicht Kinder, zeitlebens viel Arbeit, um sich in den einfachen Verhältnissen durchzuschlagen.
Sollte das auch ihr Weg durch das Leben sein?
Es kam so und doch kam es auch ganz anders.
Ein Bote Gottes, ein Engel verirrte sich in ihre Stadt – nach Nazareth – ausgerechnet. Und dieser Engel suchte sie auf, das unbedeutende jüdische Mädchen vom Rand der Welt. Gott hat mit dir etwas vor. Stell dich darauf ein. Hat er gesagt. Maria traute ihren Augen und Ohren nicht. Davon hätte sie nie zu Träumen gewagt. Dass so etwas in ihrem Leben passiert, hatte sie nie gedacht. Doch sie wollte offen sein dafür, offen für das, was Gott mit ihr vorhatte. Und tatsächlich, schon bald wurde Maria schwanger und trug unter ihrem Herzen das Kind, von dem der Engel gesprochen hatte.
Aber konnte sie wirklich die Richtige sein, konnte sie diesem Kind eine gute Mutter sein? Fragen bewegten Maria, die viele werdende Mütter beschäftigen, und doch fragte sie auf eine ganz eigene Weise.
Sie hatte die Worte des Engels noch im Ohr: Dein Sohn wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.
Ob Maria sich wohl manchmal vor ihrer Aufgabe gefürchtet hat? Wen hätten in ihrer Lage nicht manchmal Zweifel beschlichen.
Doch wenn Maria das erlebt hat, dann hat sie es auch wieder überwinden können, indem sie gehört hat, indem sie die Worte an sich herangelassen hat, die zu ihr gesagt waren: Du musst deine Aufgabe nicht alleine erfüllen. Was vor dir liegt, kannst du mit Gottes Hilfe schaffen, denn er hat es ja mit ihr vor.
Maria konnte ihr Herz öffnen für die Freude über das, was Gott mit ihr begann. Davon berichtet uns die Bibel, von einem Lied, das sie gedichtet hat:
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Maria konnte von ihrer Niedrigkeit singen. Sie blieb eine Frau wie jede andere, ja mehr noch, sie blieb eine ganz einfache Frau. Maria konnte wohl weder lesen noch schreiben, erst recht nicht hielt sie große Reden, und doch waren es Worte, die zu ihr vordrangen, die sie bewegten ganz tief im Innern, in ihrem Herzen. Worte, wie die, die wir vorhin gehört von dem Kind, das sie in der Weihnacht gebären sollte.
Ein Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
Uns wird einer geschenkt, der Frieden bringt, inmitten einer Welt voller Hass, der uns stark macht, uns einzusetzen, dass die Waffen schweigen in aller Welt und Versöhnung möglich wird auch mit meinem Nachbarn. Uns wird einer geschenkt, der wunderbar Rat geben kann, wo Menschen nicht mehr weiter wissen, der uns ermutigt, die Einsamen zu besuchen. Es ist einer, der Gerechtigkeit schafft, der uns die Augen öffnet für die Benachteiligten und Armen hier und in aller Welt, damit wir barmherzig mit ihnen sind.
Maria wollte die Botschaft von diesem Kind in ihr Herz lassen, sie wollte sich davon bewegen lassen, es mit der unfassbaren Zusage verbinden, dass Gott so etwas mit ihr beginnen wollte. Sie war nicht zu klein und unbedeutend, das, was sie tun konnte, nicht zu gering, als dass Gott nicht mit ihr anfangen könnte, diese Welt zu verändern.
An Weihnachten schenkt Gott uns sein Herz.
Das, liebe Gemeinde, hat Maria erlebt und das ist das Herz von Weihnachten, das ist der Mittelpunkt, von dem alles andere ausgeht.
Gott schenkt uns sein Herz, er lässt es geboren werden in einem Menschen, damit wir mit seinen Augen aufeinander sehen – mit den Augen der Liebe – damit wir mit seinen Ohren hören, auf die Stimmen unserer Mitmenschen, wo sie unsere Zuwendung brauchen, damit wir mit Gottes Herz mitfühlen und so unser Herz in die Hand nehmen füreinander.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Nächsten, die sich bewegen ließen von dem Kind, waren die Hirten und mit ihnen wurde die Freude über Weihnachten weiter getragen in alle Welt – bis zu uns.
Was da geschehen ist, das bewegt bis heute: Gott schenkt uns sein Herz, er will nehmen, was auf uns lastet und uns neu mit Leben füllen, mit Liebe, die sichtbar wird an Weihnachten, die ein Mensch wird wie du und ich.
Das können wir an Weihnachten auf so verschiedene schöne Weisen ausdrücken, in unserem Miteinander, in den Häusern und draußen, mit unserem Feiern.
Von dieser frohen Botschaft dürfen wir unser Herz bewegen lassen: wie Maria.
Amen.
Maria-Krippenspiel
Im Familiengottesdienst am Heiligen Abend, dem 24.12.2011, zeigten 9 Kinder das von Pfarrer Ingo Zöllich geschriebene und inszenierte Maria-Krippenspiel. Es war eingebettet in eine kurze Ansprache, die hier ebenfalls dokumentiert wird.
Ansprache
Liebe Gemeinde, liebe Kinder und Erwachsenen!
Was wissen wir eigentlich von Jesus? Oder: Woher wissen wir das, was wir von Jesus wissen? Ihr wisst natürlich, woher wir das wissen: Wir wissen es aus diesem Buch, aus der Bibel.
Aber woher wussten die Leute, die die Bibel geschrieben haben, woher wussten die, was sie von Jesus aufgeschrieben haben? Sie wussten es von anderen, die etwas von Jesus gehört haben. Und die haben von Jesus gehört von denen, die mit Jesus zusammengelebt haben. Ganz schön kompliziert, was? Die mit Jesus zusammengelebt haben, erzählen anderen von Jesus, diese erzählen es wieder anderen, und die schreiben es dann auf. Aber keiner von all denen hat wirklich alles von Jesus mitbekommen.
Alles von Jesus mitbekommen und hat nur ein Mensch. Eine Frau. Ihr ahnt schon, wer das ist: Alles von Jesus mitbekommen hat nur seine Mutter Maria. Genau genommen wusste Maria sogar mehr von Jesus, als er selbst über sich wusste.
Ist ja logisch, sie war von Anfang an dabei. Zu ihr ist der Engel gekommen, sie ist schwanger geworden, sie hat den Jesus geboren. Davon hat Jesus noch gar nichts mitbekommen. Später dann blieb Maria immer in der Nähe von Jesus. Es gibt zwar ein paar Stellen in der Bibel, wo er mal mit ihr schimpft, aber sie blieb immer in seiner Nähe. Maria hat gehört, was Jesus gesagt hat; sie hat gesehen, wie er geheilt hat. Jesus zog mit seinen Jüngern im Land umher, und Maria war dabei. Immer, wenn Jesus in einen anderen Ort ging, sorgten Maria und andere Frauen, darunter Maria Magdalena und Salome, dafür, dass Jesus und seine Jünger etwas zu Essen bekamen und einen Platz zum Schlafen fanden. Maria war immer dabei, auch ganz zuletzt noch, als die Jünger schon weggelaufen waren und Jesus ans Kreuz genagelt wurde.
Maria weiß quasi alles über Jesus. Sie weiß mehr als er selbst wissen konnte, nicht nur, weil sie seine Geburt miterlebt hat, sondern auch, weil sie hinterher, nach der Kreuzigung, noch dagewesen ist. Maria gehörte zu den ersten Frauen am Grab. Maria gehörte zu den ersten, die sich in Jesu Namen versammelten, sie war die Mutter der Kirche, noch bevor es überhaupt einen Kirchenvater gab.
Maria ist eine klasse Frau. Wenn es sie nicht gegeben hätte, und wenn sie nicht ihr Leben lang bei ihrem Sohn Jesus geblieben wäre, was wüssten wir schon von Jesus? Deshalb wollen wir uns heute, an Heiligabend 2011, die Geschichte Jesu mal von Maria erzählen lassen. Die anderen kommen natürlich auch vor: der Engel, die Hirten, dazu Zacharias und Elisabeth und, nicht zu vergessen, auch Joseph. Aber Maria erzählt uns die Geschichte, befragt von den beiden Frauen, die mit ihr, mit Jesus und den Jüngern durchs Land zogen, von Maria Magdalena und Salome. Hört und schaut, was Maria und die Frauen uns zu sagen haben!
Maria-Krippenspiel
1. Szene (1. Bühne)
Maria, Magdalena und Salome kommen zum Grab.
Maria Was ist denn das?
Der Stein ist weg, das Grab ist leer –
wo ist mein Sohn? Das schmerzt mich sehr.
Magdalena In dieses Grab wurd‘ er gelegt,
ich sah es selbst, war tief bewegt.
Salome Nun ist es Zeit, den Leichnam einzusalben.
Dies teure Öl, das brachten wir derhalben.
Magdalena Steck das Öl doch wieder weg.
Er ist nicht hier, ‘s hat kein‘ Zweck.
Engel kommt an das Grab herangeflogen.
Engel Du hast Recht, er ist nicht hier!
Doch hört auf mich und glaubet mir:
Bei den Toten sucht ihr ihn?
Da gehört er gar nicht hin!
Er ist erstanden aus dem Tod,
lebt ewig bei dem großen Gott!
Salome Erstanden ist er, mei o mei!
Magdalena Wer soll’s begreifen, ei ei ei?
Maria Gesagt hat er’s doch lange schon,
dass er muss leiden Spott und Hohn.
Dann kommt der Tod, drei Tage bloß,
schon geht sein neues Leben los.
schweigt eine Weile
Mein erstes war’s, mein erstes Kind,
ganz wundersam ich es jetzt find,
denn rätselhaft war schon sein Anfang,
als sein Keim in mir herandrang,
das Leben dann an Sorgen reich –
jetzt bleibt mir nicht mal seine Leich‘.
Magdalena Doch du erinnerst, was geschehen,
hast alles doch mit angesehen.
Salome Mehr noch, hast ihn im Leib getragen!
Dazu woll’n wir dich befragen:
Wie ist es denn losgegangen
mit ihm und dir, hat’s angefangen?
Maria Ist es doch viele Jahre her,
mir ist’s, als ob es gestern wär‘.
Ein Mädchen war ich, erwachsen kaum,
da ruft mich einer wie im Traum...
2. Szene (2. Bühne)
Maria allein in einem Einzimmerhaus, mit Kochen beschäftigt.
Nach einiger Zeit tritt der Engel herein.
Engel Sei gegrüßt, du Begnadete!
Der Herr ist mit dir!
Maria bekommt einen großen Schreck.
Maria Welch ein Gruß ist das?
Engel Fürchte dich nicht, Maria. Du hast Gnade bei Gott gefunden!
Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären,
und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit,
und sein Reich wird kein Ende haben.
Maria Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?
Engel Der Heilige Geist wird über dich kommen,
und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten;
darum wird auch das Heilige, das geboren wird,
Gottes Sohn genannt werden.
Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger
mit einem Sohn, in ihrem Alter,
und jetzt ist sie schon im sechsten Monat,
von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria Siehe, ich bin des Herren Magd;
mir geschehe, wie du gesagt hast.
Der Engel entschwindet. Maria bleibt leicht verstört zurück.
3. Szene (1. Bühne)
Maria, Magdalena und Salome sitzen am Grab.
Salome Und dann? Wie kam er über dich?
War’s schön, oder war’s ganz fürchterlich?
Maria Ach, wenn ich das nur wüsste!
Mir war’s, grad als der Engel grüßte,
als sei alles schon gemacht
das Kind in mich hinein gebracht.
Gemerkt hab‘ ich es aber nie,
frag ganz wie Du: Ja wie?
Ja wie konnt‘ solches möglich sein,
ein Kind ohn‘ Mann zur Welt erschein?
Salome Glauben ich es dir gern wollt,
dass dir dies große Kindlein hold
als Jungfrau war geschenkt –
von Gott zum Leben hingelenkt.
Doch warst du da mit Josef schon
ganz eng – hat er nicht deinen Sohn
mit auf den Weg zur Welt gebracht
in einer wunderbaren Nacht?
Magdalena Salome, schweig fein still,
jetzt keiner das ergründen will.
Maria Du weißt, ich kriegt‘ noch viele Kinder,
hab Söhne noch, Töchter nicht minder,
alle ganz normal geboren,
noch keines habe ich verloren.
Aber dieser da fing seltsam an,
schlimm war es an sei’m Ende dann.
Ganz plötzlich in die Welt gekommen,
sein Leichnam wieder fortgenommen...
Magdalena Ein Rätsel war sein Anbeginn,
das Rätsel jetzt: Wo ist er hin?
Sprach doch schon der Propheten einer
ein Mensch würd‘ kommen wie sonst keiner.
Prophet Es wird geschehen,
ihr werdet es sehen:
Eine Jungfrau wird schwanger werden,
um ein Kind zu bringen auf die Erden.
„Gott mit uns“ wird das Kind genannt
und alsbald aller Welt bekannt.
Magdalena Ist dieser nicht der gewesen,
von dem wir beim Propheten lesen?
Er hat jawohl das Potential
der Welt zu werden zum Ideal –
aus Gott geboren und durch dich,
und jetzt lebt er ewiglich!
Maria Gott kann eben vieles machen
wovon wir Menschen sonst nur lachen.
In mich hat er die Frucht getragen,
was immer Menschen dazu sagen.
Und ein viel größ‘res Wunder noch
Elisabeth ist widerfahren doch.
Sie war schon alt und hoffte nicht mehr,
wurde dann schwanger und freute sich sehr!
Magdalena Hast du sie nicht besucht, erzähl!
Ihr wart doch beide schwanger, gel?
Maria Nachdem der Engel mich berührt
mein Sehnen zu Elisabeth mich führt.
Ich kam zu ihr, sah sie beglückt,
und auch ihr Mann war ganz entzückt.
4. Szene (2. Bühne)
Rechts ein Haus; Elisabeth (mit dickem Bauch) und Zacharias halten einander in Armen.
Von links kommt Maria durch die Berge gelaufen.
Maria sieht Elisabeth und macht eine freudige Begrüßungsgeste. Elisabeths Bauch wackelt. Die beiden Frauen nehmen sich in den Arm. Elisabeth tritt strahlend zurück und ruft:
Elisabeth Gepriesen bist du unter den Frauen
und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!
Nach einer Pause sagt sie nachdenklich:
Elisabeth Und wie geschieht mir das,
dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte,
hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
Elisabeths Bauch wackelt noch einmal.
Elisabeth tritt näher an Maria heran und sagt mit ernster Stimme:
Elisabeth Und selig bist du, die du geglaubt hast.
Dann legt Elisabeth Maria die Hände auf und sagt:
Elisabeth Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
5. Szene (1. Bühne)
Salome Glücklich waren diese Leute.
Was gibt es noch zu freuen heute?
Gottseidank, sie war’n schon alt,
sie starben dann ja auch sehr bald
und mussten nicht mehr mit ansehen,
was mit ihr’m Sohn noch ist geschehen.
Johannes hieß er, dieser Sohn,
sein Ende kam recht bald dann schon.
Der König nahm die Schwägerin zur Frau
und Johannes machte ihn zur Sau.
Dafür wurd‘ er eingesperrt
und vor den Henker dann gezerrt.
Der servierte seinen Kopf zum Mahle
dem großen König auf ‘ner Schale.
Magdalena Eine traurige Geschichte.
Doch sehen wir in ihrem Lichte
das Schicksal deines Sohnes auch,
der einst heranwuchs in dein’m Bauch.
Ich seh‘ noch, wie man ihn geschunden
und an dem Kreuz dann angebunden,
wie er hoch von oben schaut
dem Tod entgegen, oh, mir graut.
Als er gestorben, wurd‘ er abgenommen,
in dies Grab ist er dann gekommen.
Doch jetzt ist er nicht mehr hier,
glauben sollen dem Engel wir:
Er ist erstanden aus dem Tod!
Ein Ende hat all unsre Not!
Salome Nach freuen ist mir nicht zumute,
ich sehe noch nicht recht das Gute.
Magdalena Du wirst es schon noch sehen, Liebe.
Jetzt möchtest du, dass alles bliebe,
wie es für Menschen logisch scheint,
du siehst noch nicht, was Gott gemeint.
Das braucht ein bisschen, bis man checkt,
was Gott für uns hat ausgeheckt:
dass er seinen Sohn gesandt,
dass man ihn im Grab nicht fand.
Maria war auch erst erschrocken,
als der Engel kam, um sie zu locken.
Des Heilands Mutter sollt sie werden,
die größte Frau auf dieser Erden.
Maria Das stimmt, ich brauchte meine Zeit
bis ich zur Freude war bereit
über das Kind voll göttlich‘ Segen,
dass sich in mir begann zu regen.
Auch Joseph musste das kapieren,
ich wollte ihn doch nicht verlieren.
Doch eines Tages war’s soweit,
da war zum Lobe ich bereit.
In Elisabethens Haus
drang es laut aus mir heraus.
Ich lobte Gott mit lauter Stimm,
hört nur, ich kann’s noch, hört nur hin!
6. Szene (2. Bühne)
Immer noch das Haus von Elisabeth und Zacharias, beide im Hintergrund.
Maria Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
7. Szene (1. Bühne)
Magdalena „Meine Seele erhebt den Herrn“,
auch ich sprech solche Worte gern.
Denn du warst nichts, ja das ist wahr,
doch Gott erhob dich, jetzt ist klar,
dass Gott den Armen hilft, den Schwachen –
darum haben wir gut Lachen!
Salome Du wirst berühmt, Maria, glaub mir,
und wir werden es dann mit dir.
Magdalena In aller Welt schallt bald die Kunde,
sie rufen wie aus einem Munde:
Wie wunderbar ist Gottes Rat,
schaut auf Maria voller Gnad!
Maria Nicht auf mich sollen sie schauen,
bin ich doch von den einfach‘ Frauen
bloß eine, ohne sonderliche Gaben.
An diesem sollen sie sich laben –
an dem, der nicht mehr ist,
gestorben ist vor Lebensfrist.
Salome Wie soll man bei ‘nem Toten denn
Hoffnung finden, Kraft und Sinn?
Nicht mal sein Leich kann man mehr ehren.
Anders ist von Gott zu lehren.
Magdalena Und ich glaub, ich weiß schon, wie.
Maria, du hast uns erzählt noch nie
von jenem Tag, von jener Nacht,
da du ihn dann zur Welt gebracht.
Maria War es wirklich, was es Traum,
vor Schmerzen merkte ich es kaum.
Salome Doch irgendwann hieltst du in Armen
ein Baby – Gott hatte Erbarmen.
Die arme Frau ein Kind gebar,
das ist unheimlich wunderbar.
Ein süßes Kindlein, das hat doch
das Zeug zum Hoffnungsträger noch!
Magdalena Nicht lustig machen sollst du dich,
denn es war sicher wunderlich,
wie dieser, der dem Tod entkommen,
ins Leben ist hineingekommen.
Drum sag, Maria,
Salome sag es, ja,
Magdalena wie er zur Welt gekommen war.
Maria Es geschah auf einer Reise.
Denn auf sonderbare Weise
wollt‘ der Kaiser Steuern schätzen,
und zwar an allen jenen Plätzen,
wo die Vorfahren gewohnt,
als ob sich das besonders lohnt.
Und Josef stammte aus der alten
Familie Davids, des Gesalbten.
Von der Familie war der Ort
Bethlehem in Juda dort.
Magdalena Bethlehem in Juda dort
da gibt es ein Prophetenwort!
Prophet Du kleines Städtchen Bethlehem
hör‘ mein Wort, hör meine Stimm‘!
Israels Herr aus dir soll kommen
der ewig schon war, aus dir wird er stammen.
Maria Mit Josef zog ich dann dahin.
Die Reise, die war wirklich schlimm.
Zeitweilig lag ich schon in Wehen!
Endlich war Bethlehem zu sehen.
Doch David hatte viele Kinder,
die hatten Kindes-, Kindes-, Kindeskinder.
Und alle mussten jetzt hierher,
‘nen Raum zu finden, das war schwer.
Wir hatten keine andre Wahl
und nahmen uns ‘nen kleinen Stall.
Dort geschah’s, dort kam ich nieder.
Jetzt sehe ich in mir schon wieder
die Bilder jener klaren Nacht
in der das Wunder ward vollbracht.
Denn alles war so sonderbar,
erst jetzt erkenne ich es klar:
Ein Stern schien und die Engel sangen,
die Hirten um die Fassung rangen,
nicht wegen mir, nicht mir zum Lohn,
doch weil sie sahen Gottes Sohn!
8. Szene (2. Bühne)
Schon während der letzten Erzählung Mariens am Grabe wird das Licht der 1. Bühne gedimmt und die zweite Bühne beleuchtet. Man sieht Maria und Josef am Stall ankommen, Maria das Kind gebären und wickeln, den Stern aufgehen, den Engel am Himmel erscheinen und die Hirten auf dem Feld aufziehen.
Engel Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.
Der Engel bedeutet der Gemeinde aufzustehen. Dann singen alle (EG 26):
Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe
und Frieden auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.
Dann entschwindet der Engel.
1. Hirte Lasst uns nun gehen nach Bethlehem!
2. Hirte Lasst uns die Geschichte sehen, die da geschehen ist,
die uns der Herr kundgetan hat.
Die Hirten gehen zum Stall, freuen sich über das Kind, gehen dann fröhlich auf ihr Feld zurück.
9. Szene (1. Bühne)
Maria Den Gesang der Engel hör‘ ich
und die Freud‘ der Hirten füllt mich
auch heute noch, als ob es gestern wär.
Was ist denn nun daran so schwer,
dass ich ihn nicht mehr hab,
hier in seinem Grab?
Ich trag in meinem Herzen doch
die vielen Worte noch und noch.
Was bei Geburt dort ist geschehen,
was später dann ich hab gesehen –
nie ich das vergessen werd‘.
Magdalena Was uns das nicht alles lehrt!
Salome Jetzt spür ich dir die Freude ab,
hier an deines Sohnes Grab!
Magdalena Er kam zur Welt, Gott zum Preise,
und zeigte uns die göttlich Weise
von leben, sterben, wieder leben,
davon will ich Zeugnis geben!
Salome Drum lasst uns geh’n, den andern sagen,
die noch mit Jesu Tod sich plagen.
Was einst begann in Heil’ger Nacht,
ward nun in dieser Nacht vollbracht.
Hier jubeln wir,
Magdalena hier freuen wir,
Salome + Magdalena uns, Maria, wir mit dir!
Interview mit den beiden Maria-Darstellerinnen
Fragen:
Warum wolltet ihr die Maria spielen?
Seht ihr Unterschiede zwischen der jungen Maria und der alten Maria?
Könnt ihr etwas von dem, was ihr als Maria gesagt habt, auch selbst so sagen, als Lisa oder Annika?
Ansprache
Maria und die anderen Frauen gingen damals vom Grab weg, so wie wir es gesehen haben, und gingen unter die Leute. Und sie erzählten ihnen von Jesus, alles, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und die Leute, denen sie es erzählten, erzählten es ihren Kindes- und Kindeskindern weiter, und irgendwann kamen welche auf die Idee, die ganze Geschichte aufzuschreiben. Und so haben wir sie heute noch, hier in der Bibel, Maria sei Dank. Amen.
Ansprache
Liebe Gemeinde, liebe Kinder und Erwachsenen!
Was wissen wir eigentlich von Jesus? Oder: Woher wissen wir das, was wir von Jesus wissen? Ihr wisst natürlich, woher wir das wissen: Wir wissen es aus diesem Buch, aus der Bibel.
Aber woher wussten die Leute, die die Bibel geschrieben haben, woher wussten die, was sie von Jesus aufgeschrieben haben? Sie wussten es von anderen, die etwas von Jesus gehört haben. Und die haben von Jesus gehört von denen, die mit Jesus zusammengelebt haben. Ganz schön kompliziert, was? Die mit Jesus zusammengelebt haben, erzählen anderen von Jesus, diese erzählen es wieder anderen, und die schreiben es dann auf. Aber keiner von all denen hat wirklich alles von Jesus mitbekommen.
Alles von Jesus mitbekommen und hat nur ein Mensch. Eine Frau. Ihr ahnt schon, wer das ist: Alles von Jesus mitbekommen hat nur seine Mutter Maria. Genau genommen wusste Maria sogar mehr von Jesus, als er selbst über sich wusste.
Ist ja logisch, sie war von Anfang an dabei. Zu ihr ist der Engel gekommen, sie ist schwanger geworden, sie hat den Jesus geboren. Davon hat Jesus noch gar nichts mitbekommen. Später dann blieb Maria immer in der Nähe von Jesus. Es gibt zwar ein paar Stellen in der Bibel, wo er mal mit ihr schimpft, aber sie blieb immer in seiner Nähe. Maria hat gehört, was Jesus gesagt hat; sie hat gesehen, wie er geheilt hat. Jesus zog mit seinen Jüngern im Land umher, und Maria war dabei. Immer, wenn Jesus in einen anderen Ort ging, sorgten Maria und andere Frauen, darunter Maria Magdalena und Salome, dafür, dass Jesus und seine Jünger etwas zu Essen bekamen und einen Platz zum Schlafen fanden. Maria war immer dabei, auch ganz zuletzt noch, als die Jünger schon weggelaufen waren und Jesus ans Kreuz genagelt wurde.
Maria weiß quasi alles über Jesus. Sie weiß mehr als er selbst wissen konnte, nicht nur, weil sie seine Geburt miterlebt hat, sondern auch, weil sie hinterher, nach der Kreuzigung, noch dagewesen ist. Maria gehörte zu den ersten Frauen am Grab. Maria gehörte zu den ersten, die sich in Jesu Namen versammelten, sie war die Mutter der Kirche, noch bevor es überhaupt einen Kirchenvater gab.
Maria ist eine klasse Frau. Wenn es sie nicht gegeben hätte, und wenn sie nicht ihr Leben lang bei ihrem Sohn Jesus geblieben wäre, was wüssten wir schon von Jesus? Deshalb wollen wir uns heute, an Heiligabend 2011, die Geschichte Jesu mal von Maria erzählen lassen. Die anderen kommen natürlich auch vor: der Engel, die Hirten, dazu Zacharias und Elisabeth und, nicht zu vergessen, auch Joseph. Aber Maria erzählt uns die Geschichte, befragt von den beiden Frauen, die mit ihr, mit Jesus und den Jüngern durchs Land zogen, von Maria Magdalena und Salome. Hört und schaut, was Maria und die Frauen uns zu sagen haben!
Maria-Krippenspiel
1. Szene (1. Bühne)
Maria, Magdalena und Salome kommen zum Grab.
Maria Was ist denn das?
Der Stein ist weg, das Grab ist leer –
wo ist mein Sohn? Das schmerzt mich sehr.
Magdalena In dieses Grab wurd‘ er gelegt,
ich sah es selbst, war tief bewegt.
Salome Nun ist es Zeit, den Leichnam einzusalben.
Dies teure Öl, das brachten wir derhalben.
Magdalena Steck das Öl doch wieder weg.
Er ist nicht hier, ‘s hat kein‘ Zweck.
Engel kommt an das Grab herangeflogen.
Engel Du hast Recht, er ist nicht hier!
Doch hört auf mich und glaubet mir:
Bei den Toten sucht ihr ihn?
Da gehört er gar nicht hin!
Er ist erstanden aus dem Tod,
lebt ewig bei dem großen Gott!
Salome Erstanden ist er, mei o mei!
Magdalena Wer soll’s begreifen, ei ei ei?
Maria Gesagt hat er’s doch lange schon,
dass er muss leiden Spott und Hohn.
Dann kommt der Tod, drei Tage bloß,
schon geht sein neues Leben los.
schweigt eine Weile
Mein erstes war’s, mein erstes Kind,
ganz wundersam ich es jetzt find,
denn rätselhaft war schon sein Anfang,
als sein Keim in mir herandrang,
das Leben dann an Sorgen reich –
jetzt bleibt mir nicht mal seine Leich‘.
Magdalena Doch du erinnerst, was geschehen,
hast alles doch mit angesehen.
Salome Mehr noch, hast ihn im Leib getragen!
Dazu woll’n wir dich befragen:
Wie ist es denn losgegangen
mit ihm und dir, hat’s angefangen?
Maria Ist es doch viele Jahre her,
mir ist’s, als ob es gestern wär‘.
Ein Mädchen war ich, erwachsen kaum,
da ruft mich einer wie im Traum...
2. Szene (2. Bühne)
Maria allein in einem Einzimmerhaus, mit Kochen beschäftigt.
Nach einiger Zeit tritt der Engel herein.
Engel Sei gegrüßt, du Begnadete!
Der Herr ist mit dir!
Maria bekommt einen großen Schreck.
Maria Welch ein Gruß ist das?
Engel Fürchte dich nicht, Maria. Du hast Gnade bei Gott gefunden!
Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären,
und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;
und Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit,
und sein Reich wird kein Ende haben.
Maria Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?
Engel Der Heilige Geist wird über dich kommen,
und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten;
darum wird auch das Heilige, das geboren wird,
Gottes Sohn genannt werden.
Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger
mit einem Sohn, in ihrem Alter,
und jetzt ist sie schon im sechsten Monat,
von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Maria Siehe, ich bin des Herren Magd;
mir geschehe, wie du gesagt hast.
Der Engel entschwindet. Maria bleibt leicht verstört zurück.
3. Szene (1. Bühne)
Maria, Magdalena und Salome sitzen am Grab.
Salome Und dann? Wie kam er über dich?
War’s schön, oder war’s ganz fürchterlich?
Maria Ach, wenn ich das nur wüsste!
Mir war’s, grad als der Engel grüßte,
als sei alles schon gemacht
das Kind in mich hinein gebracht.
Gemerkt hab‘ ich es aber nie,
frag ganz wie Du: Ja wie?
Ja wie konnt‘ solches möglich sein,
ein Kind ohn‘ Mann zur Welt erschein?
Salome Glauben ich es dir gern wollt,
dass dir dies große Kindlein hold
als Jungfrau war geschenkt –
von Gott zum Leben hingelenkt.
Doch warst du da mit Josef schon
ganz eng – hat er nicht deinen Sohn
mit auf den Weg zur Welt gebracht
in einer wunderbaren Nacht?
Magdalena Salome, schweig fein still,
jetzt keiner das ergründen will.
Maria Du weißt, ich kriegt‘ noch viele Kinder,
hab Söhne noch, Töchter nicht minder,
alle ganz normal geboren,
noch keines habe ich verloren.
Aber dieser da fing seltsam an,
schlimm war es an sei’m Ende dann.
Ganz plötzlich in die Welt gekommen,
sein Leichnam wieder fortgenommen...
Magdalena Ein Rätsel war sein Anbeginn,
das Rätsel jetzt: Wo ist er hin?
Sprach doch schon der Propheten einer
ein Mensch würd‘ kommen wie sonst keiner.
Prophet Es wird geschehen,
ihr werdet es sehen:
Eine Jungfrau wird schwanger werden,
um ein Kind zu bringen auf die Erden.
„Gott mit uns“ wird das Kind genannt
und alsbald aller Welt bekannt.
Magdalena Ist dieser nicht der gewesen,
von dem wir beim Propheten lesen?
Er hat jawohl das Potential
der Welt zu werden zum Ideal –
aus Gott geboren und durch dich,
und jetzt lebt er ewiglich!
Maria Gott kann eben vieles machen
wovon wir Menschen sonst nur lachen.
In mich hat er die Frucht getragen,
was immer Menschen dazu sagen.
Und ein viel größ‘res Wunder noch
Elisabeth ist widerfahren doch.
Sie war schon alt und hoffte nicht mehr,
wurde dann schwanger und freute sich sehr!
Magdalena Hast du sie nicht besucht, erzähl!
Ihr wart doch beide schwanger, gel?
Maria Nachdem der Engel mich berührt
mein Sehnen zu Elisabeth mich führt.
Ich kam zu ihr, sah sie beglückt,
und auch ihr Mann war ganz entzückt.
4. Szene (2. Bühne)
Rechts ein Haus; Elisabeth (mit dickem Bauch) und Zacharias halten einander in Armen.
Von links kommt Maria durch die Berge gelaufen.
Maria sieht Elisabeth und macht eine freudige Begrüßungsgeste. Elisabeths Bauch wackelt. Die beiden Frauen nehmen sich in den Arm. Elisabeth tritt strahlend zurück und ruft:
Elisabeth Gepriesen bist du unter den Frauen
und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!
Nach einer Pause sagt sie nachdenklich:
Elisabeth Und wie geschieht mir das,
dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte,
hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.
Elisabeths Bauch wackelt noch einmal.
Elisabeth tritt näher an Maria heran und sagt mit ernster Stimme:
Elisabeth Und selig bist du, die du geglaubt hast.
Dann legt Elisabeth Maria die Hände auf und sagt:
Elisabeth Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
5. Szene (1. Bühne)
Salome Glücklich waren diese Leute.
Was gibt es noch zu freuen heute?
Gottseidank, sie war’n schon alt,
sie starben dann ja auch sehr bald
und mussten nicht mehr mit ansehen,
was mit ihr’m Sohn noch ist geschehen.
Johannes hieß er, dieser Sohn,
sein Ende kam recht bald dann schon.
Der König nahm die Schwägerin zur Frau
und Johannes machte ihn zur Sau.
Dafür wurd‘ er eingesperrt
und vor den Henker dann gezerrt.
Der servierte seinen Kopf zum Mahle
dem großen König auf ‘ner Schale.
Magdalena Eine traurige Geschichte.
Doch sehen wir in ihrem Lichte
das Schicksal deines Sohnes auch,
der einst heranwuchs in dein’m Bauch.
Ich seh‘ noch, wie man ihn geschunden
und an dem Kreuz dann angebunden,
wie er hoch von oben schaut
dem Tod entgegen, oh, mir graut.
Als er gestorben, wurd‘ er abgenommen,
in dies Grab ist er dann gekommen.
Doch jetzt ist er nicht mehr hier,
glauben sollen dem Engel wir:
Er ist erstanden aus dem Tod!
Ein Ende hat all unsre Not!
Salome Nach freuen ist mir nicht zumute,
ich sehe noch nicht recht das Gute.
Magdalena Du wirst es schon noch sehen, Liebe.
Jetzt möchtest du, dass alles bliebe,
wie es für Menschen logisch scheint,
du siehst noch nicht, was Gott gemeint.
Das braucht ein bisschen, bis man checkt,
was Gott für uns hat ausgeheckt:
dass er seinen Sohn gesandt,
dass man ihn im Grab nicht fand.
Maria war auch erst erschrocken,
als der Engel kam, um sie zu locken.
Des Heilands Mutter sollt sie werden,
die größte Frau auf dieser Erden.
Maria Das stimmt, ich brauchte meine Zeit
bis ich zur Freude war bereit
über das Kind voll göttlich‘ Segen,
dass sich in mir begann zu regen.
Auch Joseph musste das kapieren,
ich wollte ihn doch nicht verlieren.
Doch eines Tages war’s soweit,
da war zum Lobe ich bereit.
In Elisabethens Haus
drang es laut aus mir heraus.
Ich lobte Gott mit lauter Stimm,
hört nur, ich kann’s noch, hört nur hin!
6. Szene (2. Bühne)
Immer noch das Haus von Elisabeth und Zacharias, beide im Hintergrund.
Maria Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
7. Szene (1. Bühne)
Magdalena „Meine Seele erhebt den Herrn“,
auch ich sprech solche Worte gern.
Denn du warst nichts, ja das ist wahr,
doch Gott erhob dich, jetzt ist klar,
dass Gott den Armen hilft, den Schwachen –
darum haben wir gut Lachen!
Salome Du wirst berühmt, Maria, glaub mir,
und wir werden es dann mit dir.
Magdalena In aller Welt schallt bald die Kunde,
sie rufen wie aus einem Munde:
Wie wunderbar ist Gottes Rat,
schaut auf Maria voller Gnad!
Maria Nicht auf mich sollen sie schauen,
bin ich doch von den einfach‘ Frauen
bloß eine, ohne sonderliche Gaben.
An diesem sollen sie sich laben –
an dem, der nicht mehr ist,
gestorben ist vor Lebensfrist.
Salome Wie soll man bei ‘nem Toten denn
Hoffnung finden, Kraft und Sinn?
Nicht mal sein Leich kann man mehr ehren.
Anders ist von Gott zu lehren.
Magdalena Und ich glaub, ich weiß schon, wie.
Maria, du hast uns erzählt noch nie
von jenem Tag, von jener Nacht,
da du ihn dann zur Welt gebracht.
Maria War es wirklich, was es Traum,
vor Schmerzen merkte ich es kaum.
Salome Doch irgendwann hieltst du in Armen
ein Baby – Gott hatte Erbarmen.
Die arme Frau ein Kind gebar,
das ist unheimlich wunderbar.
Ein süßes Kindlein, das hat doch
das Zeug zum Hoffnungsträger noch!
Magdalena Nicht lustig machen sollst du dich,
denn es war sicher wunderlich,
wie dieser, der dem Tod entkommen,
ins Leben ist hineingekommen.
Drum sag, Maria,
Salome sag es, ja,
Magdalena wie er zur Welt gekommen war.
Maria Es geschah auf einer Reise.
Denn auf sonderbare Weise
wollt‘ der Kaiser Steuern schätzen,
und zwar an allen jenen Plätzen,
wo die Vorfahren gewohnt,
als ob sich das besonders lohnt.
Und Josef stammte aus der alten
Familie Davids, des Gesalbten.
Von der Familie war der Ort
Bethlehem in Juda dort.
Magdalena Bethlehem in Juda dort
da gibt es ein Prophetenwort!
Prophet Du kleines Städtchen Bethlehem
hör‘ mein Wort, hör meine Stimm‘!
Israels Herr aus dir soll kommen
der ewig schon war, aus dir wird er stammen.
Maria Mit Josef zog ich dann dahin.
Die Reise, die war wirklich schlimm.
Zeitweilig lag ich schon in Wehen!
Endlich war Bethlehem zu sehen.
Doch David hatte viele Kinder,
die hatten Kindes-, Kindes-, Kindeskinder.
Und alle mussten jetzt hierher,
‘nen Raum zu finden, das war schwer.
Wir hatten keine andre Wahl
und nahmen uns ‘nen kleinen Stall.
Dort geschah’s, dort kam ich nieder.
Jetzt sehe ich in mir schon wieder
die Bilder jener klaren Nacht
in der das Wunder ward vollbracht.
Denn alles war so sonderbar,
erst jetzt erkenne ich es klar:
Ein Stern schien und die Engel sangen,
die Hirten um die Fassung rangen,
nicht wegen mir, nicht mir zum Lohn,
doch weil sie sahen Gottes Sohn!
8. Szene (2. Bühne)
Schon während der letzten Erzählung Mariens am Grabe wird das Licht der 1. Bühne gedimmt und die zweite Bühne beleuchtet. Man sieht Maria und Josef am Stall ankommen, Maria das Kind gebären und wickeln, den Stern aufgehen, den Engel am Himmel erscheinen und die Hirten auf dem Feld aufziehen.
Engel Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.
Der Engel bedeutet der Gemeinde aufzustehen. Dann singen alle (EG 26):
Gemeinde Ehre sei Gott in der Höhe
und Frieden auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.
Dann entschwindet der Engel.
1. Hirte Lasst uns nun gehen nach Bethlehem!
2. Hirte Lasst uns die Geschichte sehen, die da geschehen ist,
die uns der Herr kundgetan hat.
Die Hirten gehen zum Stall, freuen sich über das Kind, gehen dann fröhlich auf ihr Feld zurück.
9. Szene (1. Bühne)
Maria Den Gesang der Engel hör‘ ich
und die Freud‘ der Hirten füllt mich
auch heute noch, als ob es gestern wär.
Was ist denn nun daran so schwer,
dass ich ihn nicht mehr hab,
hier in seinem Grab?
Ich trag in meinem Herzen doch
die vielen Worte noch und noch.
Was bei Geburt dort ist geschehen,
was später dann ich hab gesehen –
nie ich das vergessen werd‘.
Magdalena Was uns das nicht alles lehrt!
Salome Jetzt spür ich dir die Freude ab,
hier an deines Sohnes Grab!
Magdalena Er kam zur Welt, Gott zum Preise,
und zeigte uns die göttlich Weise
von leben, sterben, wieder leben,
davon will ich Zeugnis geben!
Salome Drum lasst uns geh’n, den andern sagen,
die noch mit Jesu Tod sich plagen.
Was einst begann in Heil’ger Nacht,
ward nun in dieser Nacht vollbracht.
Hier jubeln wir,
Magdalena hier freuen wir,
Salome + Magdalena uns, Maria, wir mit dir!
Interview mit den beiden Maria-Darstellerinnen
Fragen:
Warum wolltet ihr die Maria spielen?
Seht ihr Unterschiede zwischen der jungen Maria und der alten Maria?
Könnt ihr etwas von dem, was ihr als Maria gesagt habt, auch selbst so sagen, als Lisa oder Annika?
Ansprache
Maria und die anderen Frauen gingen damals vom Grab weg, so wie wir es gesehen haben, und gingen unter die Leute. Und sie erzählten ihnen von Jesus, alles, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und die Leute, denen sie es erzählten, erzählten es ihren Kindes- und Kindeskindern weiter, und irgendwann kamen welche auf die Idee, die ganze Geschichte aufzuschreiben. Und so haben wir sie heute noch, hier in der Bibel, Maria sei Dank. Amen.
Sonntag, 11. Dezember 2011
Doppelte Freude - Maria bei Elisabeth
Dietmar Pistorius - Predigt zu Lukas 1,39-56 im Dietrich-Bonhoefferhaus
Liebe Gemeinde, unsere Maria-Reihe lässt uns heute teilhaben am Besuch Marias bei Elisabeth, ihrer Verwandten, und lässt uns hören den Lobgesang der Maria (Lukas 1,39-56).
Liebe Gemeinde, unsere Maria-Reihe lässt uns heute teilhaben am Besuch Marias bei Elisabeth, ihrer Verwandten, und lässt uns hören den Lobgesang der Maria (Lukas 1,39-56).
Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn,und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.
Verwandtenbesuch, liebe Gemeinde, ist
ja nicht in jedem Fall ein Vergnügen und die Freude häufig nicht mehr als eine
höfliche Heuchelei.
Wenn aber ein Kind im Leib der Mutter
vor Freude hüpft, wenn die Verwandte in der Tür steht, dann muss es wohl mit
dem heiligen Geist zugehen. Denn der ist bekanntlich ja ein Geist der Freuden.
Vielleicht ist darum in diesem
Gottesdienst zuerst von der Freude zu reden und zuletzt, denn: „Freuet euch in
dem Herrn allewege,“ haben wir eben aus dem Philippperbrief gehört „und
abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“
I.
Gefragt, was ihm zum Philipperbrief
einfalle, so erzählte mir einmal ein Theologieprofessor, habe der Kandidat der
Theologie in einer Bibelkundeprüfung, in der die Kenntnis über den Inhalt
sämtlicher biblischer Bücher vorausgesetzt und also erbarmungslos erfragt wird,
- zum Beispiel: „Wie lange blieb Maria,
Jesu Mutter, bei Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers?“ - in einer solchen
Prüfung, die nun wirklich wenig heiter zuzugehen pflegt, sondern eher mit Angst
und Zittern, in einer solchen Prüfung danach gefragt, was ihm zum
Philipperbrief einfalle, habe der Kandidat der Theologie geantwortet:
„Freuet euch in dem Herrn allewege“ -
Das war dem Professor zu wenig und er fragte: „Und was steht noch im
Philipperbrief?“ Darauf der Kandidat: „Und abermals sage ich: Freuet euch!“
Wäre ich jener Prüfer gewesen, ich
hätte dem Kandidaten großes Lob gezollt und mit besten Zensuren belohnt, denn
der hat wohl den Sinn des Ganzen recht erfasst, nämlich dass dort, wo der HERR
nahe ist, die Freude immer eine doppelte ist; nämlich meine Freude und deine
Freude: Geteilte Freude, ist doppelte Freude.
„Mein Geist freut sich“, singt Maria
und teilt ihre Freude mit Elisabeth und singt es laut – und das Kind hüpft im
Bauch der Schwangeren.
Und mit dem freundlichen Hinweis
darauf, dass dieser Kandidat sich vielleicht doch noch ein wenig mehr an den
Details der Heiligen Schrift erfreuen sollte, hätte ich ihn ins Pfarramt
entlassen. Denn da brauchen wir Leute, die Ahnung von der doppelten Freude
haben, und um die geht es - nicht nur in unserer Geschichte.
II.
Doch bevor ich davon rede, liebe
Gemeinde, muss ich Rechenschaft ablegen darüber, was ich mit Maria verbinde:
Laßt mich erzählen.
Als ich ein „Knabe war und wusste
weder aus noch ein“, als Grundschüler in Trier nämlich, da war ich die letzten
zwei Jahre Schüler im Dorf nebenan, in der Grundschule, die wiewohl staatlich,
so doch vor nahezu militantem Katholizismus strotzte, prangte doch auf der
Sichtfront herüber übers Tal zu uns auf dem Neubauberg, ein mächtiger Sankt
Georg, Patron der Pfarrei, die in der ehemaligen Irscher Burg residierte,
prangte dort, rechts vom Eingang, drachentötend und uns, den beiden einzigen
Protestanten auf der ganzen Schule, Furcht einflößend. Denn mit Patronen dieser
Art hatten wir’s ja nicht.
Umso fremder war uns der
Schulgottesdienst, zu dem wir gehen mussten und in dem wir uns protestantisch
gaben, - standen, wenn die Katholiken knieten, saßen wenn die Katholiken
standen, kicherten verstohlen, wenn die Kinder sangen: „Maria breit den Mantel
aus“ und schwiegen beharrlich, wenn der ganze Katholiken-Chor sein „Ave Maria,
gebenedeit bist du unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines
Leibes, Jesus“ anfing, um alsbald in ein völlig unverständliches Gemurmel
überzugehen, das irgendwann, so nach der zweiten oder dritten Runde in ein mir
wieder verständliches „Amen“ mündete.
Maria, liebe Gemeinde, ist für mich
seit meiner Kindheit katholisch besetzt wie die Beichte, zu der die Klasse
geschlossen geschickt wurde, und an der ich die Evangelische Freiheit schätzen
lernte: Denn wir beiden Protestanten bekamen dann schulfrei.
Maria war für mich katholisch
besetzt, und katholisch war etwas, woran man als Minderheiten-Protestant besser
nicht teilnahm.
Deshalb konnte ich lange Zeit spotten
und lächeln über die Jungfrauengeburt, von der erzählt wird, schien sie mir
doch ein Problem katholischer Marienfrömmigkeit zu sein.
Und diese Marienfrömmigkeit selbst
nicht weniger als eine patriarchale Sprachform, die Maria zur Himmelskönigin
krönt, um zugleich den leibhaftigen Frauen auf Erden die billigste Würde
vorzuenthalten.
Erst später, sehr viel später und in
der Begegnung mit vielen katholischen Verwandten begriff ich, was uns
Protestanten verloren geht, wenn wir uns das Nachdenken über Maria versagen und
die Freude an ihr nicht mal im Ansatz zu teilen bereit sind.
III.
Was würde uns fehlen?
Zum Beispiel das Magnificat, so nennt
man nach seinem lateinischen Anfang das Lied der Maria.
Was würde uns fehlen, wenn wir diesen
Bibeltext nicht in unseren Lutherbibeln stehen hätten?
1.
Uns würde ein wichtiges Bindeglied
zwischen Altem und Neuem Testament und damit zwischen Juden und Christen
fehlen. Marias Lied hat Vorbilder und ihre Geschichte Anklänge an alte
Geschichten:
Da ist, 2. Samuel 1 erzählt’s, Hanna, Frau des Elkana, die ist unfruchtbar.
Spott und Hohn hat sie
zu ertragen, Erniedrigung und Demütigung.
Und dann geschieht es
doch, was, so legt es der Erzähler nahe, nach menschlichem Ermessen nicht
möglich ist: „Und Elkana erkannte Hanna, seine Frau, und der HERR gedachte an
sie. Und Hanna ward schwanger; und als die Tage um waren, gebar sie einen Sohn
und nannte ihn Samuel.“ Und der wurde ein Großer in Israels Geschichte.
Wie Hanna, so ging es
allen Erzmüttern Israels: Sara, viel zu alt zum Kinderkriegen, Rebekka und
Rahel: Sie alle sind unfruchtbar und empfangen ihre Kinder, so wird erzählt,
obwohl es biologisch ausgeschlossen zu sein scheint; damit klar ist: Ihre
Söhne, die Großen der Geschichte Israels, Isaak und Jakob und Josef und Samuel,
sind Gottes Gabe, sein Geschenk an sein Volk. Etwas Besonderes und
Außergewöhnliches.
Hanna hat es besungen
wie Maria auch; das Lied der einen klingt wie ein spätes Echo auf das Lied der
anderen.
In diesem Kontext der Erzählungen Israels ist die Erzählung von der Zeugung durch den Heiligen Geist und die Jungfrauengeburt nur die Variante für junge Frauen in der Blüte ihres Lebens.
In diesem Kontext der Erzählungen Israels ist die Erzählung von der Zeugung durch den Heiligen Geist und die Jungfrauengeburt nur die Variante für junge Frauen in der Blüte ihres Lebens.
Und nichts anderes steht
dahinter als die Aussage: Auch Jesus ist, wie die Erzväter, wie Abraham, Isaak
und Jakob, und Samuel und andere ein
Geschenk Gottes an sein Volk, Gottes besondere Zuwendung.
Wer sich nicht um diesen
Sinn der Erzählung von der Jungfräulichkeit Marias müht, der schneidet das
Christentum an einer entscheidenden Stelle ab von seinen jüdischen Wurzeln.
Das heißt nicht, dass
ich für allezeit an dieser Sprachform: „Geboren von der Jungfrau Maria“ meine festhalten
zu müssen.
Nur der Sinn, der muss
bleiben: Jesus - Gottes Geschenk an sein Volk – Grund zur Freude und zum
Lobgesang.
2.
Damit bin ich beim zweiten, das mir
fehlen würde: Nämlich eines der schönsten Freudenlieder des an Liedern nicht
gerade reichen Neuen Testaments. Von Luther wunderbar melodisch übersetzt.
Und ohne dieses Lied wäre mir ein wesentlicher Einblick in das Wesen und den Sinn christliche Freude verborgen geblieben:
„Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“, so fängt Maria ihr Jubellied an.
Und ohne dieses Lied wäre mir ein wesentlicher Einblick in das Wesen und den Sinn christliche Freude verborgen geblieben:
„Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“, so fängt Maria ihr Jubellied an.
Sie hat Grund zur
Freude. Die Geburt eines Kindes ist ihr angesagt.
Maria erkennt darin
Gottes Zuwendung zu ihr: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ - Und:
„Er hat große Dinge an mir getan.“ Sie hat Grund zur Freude.
Aber sie bleibt nicht dabei stehen.
Aber sie bleibt nicht dabei stehen.
Sie freut ihre Freude
hinaus, teilt sie nicht nur mit Elisabeth, sondern freut sie hinaus oder hinein
in die Geschichte des Volkes Israel, ja in die Geschichte schlechthin: Ihre
Freude, dass Gott sie in ihrer Niedrigkeit angesehen hat - so eni
ääfache Frau wie mich – heißt‘s in einer pfälzischen Bibel - ihre Freude, dass
Gott große Dinge an ihr getan hat,
buchstabiert sie weiter, teilt sie mit anderen und auch uns – geteilte Freude
ist doppelte Freude.
Christliche Freude
weitet die verengte Perspektive der individuellen Freude ins Allgemeine, der
privaten Freude ins Öffentliche:
Gott, der sich der
einfachen Frau angenommen hat, er wendet sich allen Geringen und Niedrigen zu;
er stößt die Mächtigen
und Übermütigen vom Thron;
er füllt die Hungrigen
mit Gütern und schickt die Reichen leer aus.
Schöne Bilder, liebe Gemeinde, für die Erniedrigten.
Schöne Bilder, liebe Gemeinde, für die Erniedrigten.
Doch höre ich schon die
Dämpfer protestantischer Adventspredigerinnen und -prediger, die der Freude ein
schlechtes Gewissen reden wollen: Bloß nicht freuen - Habt ihr schon genug an
die Obdachlosen gedacht und die Flüchtlinge und die Hungernden und die Opfer
der Finanzkrise und überhaupt - Bloß keine Freude zulassen. Nicht nur zur
Karnevalszeit - protestantische Sauertöpfigkeit.
Und ich verstehe es gut, haben wir doch reichlich andere Bilder als die der Maria vor Augen. Ich erspare es mir und ihnen, diese Bilder jetzt auszumalen.
Und ich verstehe es gut, haben wir doch reichlich andere Bilder als die der Maria vor Augen. Ich erspare es mir und ihnen, diese Bilder jetzt auszumalen.
Wir kommen an der Frage
nicht herum: Wie verträgt sich das miteinander, dass Maria so singt und unsere
Welt so anders aussieht?
Wie verträgt sich ihr
Lied von dem Gott, der die Gegensätze versöhnt, und unsere Welt, in der die
Schere immer weiter auseinander triftet?
Wie verträgt sich die
Freude mit dem Ernst der Lage?
Liebe Gemeinde: Es verträgt sich nicht! Es verträgt sich nicht!
Liebe Gemeinde: Es verträgt sich nicht! Es verträgt sich nicht!
Und gerade das ist der
protestantische Witz an der Geschichte:
Marias Lied von Gott und unsere Wirklichkeit vertragen sich nicht.
„Meine Seele erhebt den Herrn“ - das griechische Wort heißt „großmachen“ - Meine Seele macht Gott groß.
Marias Lied von Gott und unsere Wirklichkeit vertragen sich nicht.
„Meine Seele erhebt den Herrn“ - das griechische Wort heißt „großmachen“ - Meine Seele macht Gott groß.
Maria macht Gott groß.
Sie macht ihn größer als unsere Vernunft zulässt. Sie macht ihn größer als
unsere Wirklichkeit uns ihn erfahren lässt. Marias Lied macht Gott groß.
Indem sie das tut, malt sie eine andere Welt vor Augen. Sie malt eine Welt vor Augen, in der Gott die Ungerechtigkeiten ausgleicht. Sie malt eine Welt vor Augen, in der die Freude ungeteilt ist. Sie malt eine Welt vor Augen, in der Macht und Güter gerecht verteilt sind.
Ihre Freude ist so Protest gegen eine Welt der Ungerechtigkeit.
Indem sie das tut, malt sie eine andere Welt vor Augen. Sie malt eine Welt vor Augen, in der Gott die Ungerechtigkeiten ausgleicht. Sie malt eine Welt vor Augen, in der die Freude ungeteilt ist. Sie malt eine Welt vor Augen, in der Macht und Güter gerecht verteilt sind.
Ihre Freude ist so Protest gegen eine Welt der Ungerechtigkeit.
Ihre Freude, die Gott so
groß macht, bringt Gott ins Spiel der Welt und verdirbt denen die Stimmung, die
meinen, auf Kosten anderer stimmungsvoll leben zu können.
Unsere Freude im Advent, unsere Freude an Weihnachten, sie vertragen sich nicht mit dieser Welt. Und gerade darum dürfen wir sie uns nicht nehmen lassen.
Unsere Freude im Advent, unsere Freude an Weihnachten, sie vertragen sich nicht mit dieser Welt. Und gerade darum dürfen wir sie uns nicht nehmen lassen.
Die Freude wider den
Augenschein, das ist protestantisch.
Die Freude, die Gott
über alle Vernunft erhebt, das ist protestantisch.
Die Freude, die nicht
müde wird, für uns und diese Welt zu hoffen, das ist protestantisch.
„Im Rheinland“, heißt
es, „seien auch die Protestanten Katholiken.“ In diesem Sinne kann ich den Satz
auch umdrehen und sagen: Darin sind auch die Katholiken Protestanten.
Wir sind halt doch im
Glauben verwandter, als manche ökumenische Heuchelei uns zweifeln lässt.
Wie gut, dass die Katholiken und die
Orthodoxen Maria nie vergessen haben. Und mit ihr die Freude nicht, die soll
zur doppelten Freude werden. Hoff ich. Für die eine Kirche. Und die eine Welt.
Und der Friede Gottes, welcher höher
ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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